Geschichten ohne Handlung

Stimmungsbilder, die nicht mehr loslassen, zu Papier gebracht jedoch eine Mischform aus dokumentarischer und literarischer Arbeit sind: Geschichten ohne Handlung. Seit dem Jahr 2001 sind solche Stimmungsbilder entstanden. Seit 2006 ist diese Art von Texten sowohl Grundlage für das Buchprojekt „Nacht – Schatten – Garten“ als auch Grundlage für Kurzgeschichten, deren Handlung sich in die Stimmungsbilder webt. Im Literatur-Fotografie-Projekt taucht die Textart nochmals in ihrer reinen Form auf.

Reise in den Sonnenuntergang

(„Geschichte ohne Handlung“, 2002)

Der Balkon, eine von der Sonne ausgeleuchtete Freiluftzelle, eine der vielen in diesem Plattenbau, unter mir und neben mir.
Ich sitze in der Balkonecke auf meinem roten Holzklappstuhl, die nackten Füße auf das Geländer gelegt. Neben mir steht der dicht behängte Wäscheständer.
Der Balkon ist nichts anderes als ein Balkon bei uns. Kein künstlicher Garten, kein Möchtegernparadies mit Blumenkästen, Windrädchen, Tisch und Balkonsitzgarnitur. Nackter Beton, weißes Geländer, ein verblichene Sonnendach wie an jedem Balkon hier, von den Winterstürmen ausgefranst.

Es ist Wochenende.
Ich sitze schon den ganzen Tag hier.
Die Zeit vergeht – ich merke nicht, wie sie vergeht.

Auf dem Nachbarbalkon sitzt ebenfalls jemand. Ich kenne ihn nicht, habe ihn noch nie gesehen. Wie seltsam: Vielleicht sitzen wir Fremden Schulter an Schulter, die Betonwand zwischen uns. Er hat Oldies gehört; jetzt liest er Zeitung – wie ich vorhin. Er raschelt mit dem Papier, steckt sich eine Zigarette an. Sein Feuerzeug funktioniert nicht sofort. Er räuspert sich.

Vor unserem Plattenbau ist eine Haltestelle für Ausflugsbusse. Touristenströme, den ganzen Tag. Menschen steigen aus, steigen ein, werden verfrachtet. Jeden Tag andere und doch sind sie so gleich. Sie tragen kleine Tüten oder Beutel mit Andenken an ihren Ausflug in den Händen, wenn sie hier stehen und auf ihren Bus warten – müde, erschöpft.

Ich bin froh, dass ich hier sitzen kann, dass ich keine Ausflüge machen muss. Vielleicht gehe ich abends runter an den Strand, wenn die Tagestouristen weg sind.

Der Himmel ist blassblau.
Ich gucke in den Himmel, denke, dass er blau ist, einfach nur „blau“,
„blau“ mit einzelnen kleinen weißen Wolken,
„blau“,
und manchmal fliegt ein Flugzeug ganz weit oben, zieht einen weißen Streifen über den Himmel, der dann langsam,            langsam            auseinander            treibt,            sich auflöst.

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich zum ersten Mal an diesem Haus vorbeigegangen bin, wie ich damals die Straße und den Ort gesehen habe, als ich noch nicht wusste, dass ich hier herzöge und nicht darüber nachdachte, wie das Leben hier sein könnte.
Man kann dieselben Dinge so unterschiedlich wahrnehmen. Das ist selbstverständlich, aber es kommt mir trotzdem merkwürdig vor.
Welche Wirklichkeit sehe ich jetzt gerade? Welche könnte ich vielleicht außerdem sehen? Welche sieht mein Nachbar? Oder die Touristen, unten an der Straße, in der staubigen Abgasluft? Was wäre, wenn die Sonne nicht schiene, ich schlechte Laune hätte, der Nachbar auf dem Balkon stinkende Zigarren rauchte, ich den Lärm der Ausflugsbusse nicht ausblenden könnte...

Ich sitze auf dem Balkon, ganz oben, die nackten Füße von der Sonne gewärmt. Die Luft ist warm, der Himmel ist blau. Ich strecke meine Arme zur Seite, atme den Nachmittag ein und aus. Hinter mir auf der Fensterbank steht mein Kaffee – schon wieder kalt. Mein Mitbewohner schläft. Sonnabend nachmittag. Königin der Langeweile.

„Superman rettet die deutsche Hauptstadt“ – mich wundert gar nichts mehr. Ein leichter Windhauch streift die Zeitung. Wieder fliegt ein Tourist mit ins All. Diesmal aus Afrika, ein Reicher.

Vielleicht wird es hier mal ganz ruhig und der Bushaltepunkt vor unserem Plattenbau überflüssig. ...wenn alle auf den Mond fliegen am Wochenende, wenn der Mondshuttle sie einsammelt von irgendeinem Startplatz am Ende der Welt.
Ich bliebe hier auf dem Balkon sitzen, auf meinem roten Holzklappstuhl neben dem vollen Wäscheständer, die nackten Füße auf das Balkongeländer gelegt. Ich sähe in den blauen Himmel, würde den Abend abwarten, nichts denken, ab und zu die Arme zur Seite strecken, ein- und ausatmen und es komisch finden, wie verschieden man ein und dasselbe sehen kann. Mein Nachbar würde sich räuspern, ab und zu mit der Zeitung rascheln und hätte dann vielleicht ein Feuerzeug, das auf Anhieb funktionierte.
Vielleicht würde ich mich fragen, ob diese Nachmittage ein bisschen anders geworden wären, seit keine Touristen mehr ein- und ausstiegen.
Irgendwann würde es Abend werden und kühler. Ich nähme meinen Klappstuhl und den halbvollen Becher mit dem kalten Kaffee, brächte beides nach drinnen, leise, weil mein Mitbewohner noch immer schliefe.
Und die Sonne würde den Himmel in leichte Pastellfarben tauchen.

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