Kurzgeschichten

Eine schnelle, skizzenhafte Entwicklung einer Geschichte und ihre Ausarbeitung auf wenigen Seiten – das ist im Gegensatz zu groß angelegten Projekten der Reiz der Kurzgeschichte. Maren K. Stähr entdeckte diese Textform erst im Jahr 2009 für ihr literarisches Repertoire. Seit dem entstehen Kurzgeschichten aus Stimmungsbildern wie den „Geschichten ohne Handlung“ oder sie entwickeln sich wie im Literatur-Fotografie-Projekt aus der Inspiration durch Fotografien.

Ente gut, alles gut…

(Kurzgeschichte, 2009)

Es war einer dieser Sonntage, die irgendwie vergehen. Sonntage, an denen man telefoniert – mit Freunden, die ohne oder trotz Familie noch Zeit dafür haben, mit den Eltern und Geschwistern. Jeder für sich. Ich im Arbeitszimmer, du im Schlafzimmer, ich im Wohnzimmer, du in der Küche.
Sonntage, die vergehen, über Monate, über Jahre. Redend. Oft macht man irgendwelche Dinge nebenbei: Wäsche hängen, aufräumen, Blumen gießen – leise, diskret. Jedenfalls ich. Du hast beim Telefonieren oft laut aufgekreischt und gelacht, nebenbei laut mit Töpfen im Spülbecken rumgebollert, gekocht, geputzt. Immer ein bisschen lauter als ich.

Es war einer dieser Sonntage, die plötzlich fast vorbei waren. Die nächste Woche würde kaum große Überraschungen bringen. Sie würde mit einem Frühstück beginnen und mit einem Abendbrot enden. Dazwischen lägen sechs Ausgaben der abonnierten Tageszeitung, die du immer als erstes liest, bevor du zur Schule aufbrichst, dann ich, bevor ich zur Arbeit gehe. 80 Prozent dieser Nachrichten haben nichts mit uns zu tun, 18 Prozent mit unserem Umfeld, und von zwei Prozent könnte man sich direkt angesprochen fühlen, wenn man es wollte.
So würden wir durch die Woche treiben – bis wieder ein Wochenende beginnt. Und es würde mit einem Spaziergang am Abend enden – wie alle Wochenenden. Dieselbe Strecke, wie immer, die Straße runter, über die Hauptstraße, an der Hauptstraße entlang, am Museum in den Park eingebogen und dann am Teich entlang, einmal um den Teich herum und wieder zurück.
Wenn es Winter war, testeten wir vorsichtig die Tragfähigkeit der Eisschicht auf dem Teich – nur am Rand natürlich –, und wenn es Sommer war, kauften wir am Wagen vor dem Park ein Eis in der Waffel. Damit saßen wir dann eine Weile auf einer Bank am Teich – weil es Sommer war und abends noch warm.

Es war einer dieser Sonntage. Der Teich funkelte uns in der Abendsonne entgegen, wirkte weder erfrischend kühl noch sumpfig, eher in einem unentschlossenen Zustand vor sich hindümpelnd. Ich musste plötzlich darüber nachdenken, wie oft wir diesen Weg schon gegangen sein mochten, wie viele Abende wir schon auf dieser Bank gesessen hatten und warum eigentlich – weil es sich so ergeben hatte, weil es Sommer war und abends noch warm...

Vor uns kreiste eine Ente, stocherte mal hier, mal da mit ihrem breiten Schnabel in der grünen Brühe. Mir fiel auf, dass ihr Schnabel wie das Wasser gelbgrün schimmerte, und ich fragte mich, ob er durch den dauerhaften Konsum von stark färbenden Algen diesen Farbton angenommen hatte.

Du erzähltest irgendetwas von deiner Schule und deinen Schülern, von irgendwelchen anstrengenden Eltern und ihrem anstrengenden Nachwuchs. Mit halbem Ohr folgte ich deinen Ausführungen, ließ wohldosiert ein „Aha“, „Mhm“ oder „Ach, ja?“ einfließen. Dabei war ich nicht desinteressiert. Ich mochte es, wie du erzähltest. – Es war ein angenehm vertrautes Plätschern von Informationen, wie aus einem kleinen Zimmerbrunnen, der das Wasser immer wieder heraussprudelt und aufsaugt, bis es durch frisches Wasser ersetzt wird. Es waren die wiederkehrenden alltäglichen Fragen und Probleme, über Generationen hinweg gleich oder zumindest ähnlich, immer da und ein bisschen störend, aber stets zu bewältigen. Und sie würden fehlen, wenn sie nicht da wären.

Vor uns auf dem Wasser zog die Ente Kreise, lautlos.
Meine Gedanken glitten über den Teich. Ich schwamm, sanft geschaukelt auf den leichten Wellen. Vielleicht schwebte ich sogar, über den Lichtblitzen auf der Wasseroberfläche. Über mir der von alten Bäumen umrahmte Himmel und das gelblich werdende Abendlicht…

Vom Türmchen des Museums schlug die Uhr. Ein Klang wie aneinander schlagendes Geschirr. Sieben spröde und ein bisschen schrille Schläge. Ein viel zu hoher Klang für eine Turmuhr, dachte ich. Dann drei tiefere Schläge, denen ebenfalls Klangfülle fehlte.

Und plötzlich fragtest du: „Und du?“
„Was: und ich?!“
„Ja, du hast noch gar nichts erzählt.“

Meine Gedanken tanzten noch mit den Lichtreflexen auf dem Teich, schaukelten in den seichten Wellen, die die Ente mit ihren Bewegungen auslöste.
Langsam kehrte ich zurück: „Was denn?“
„Na, wie die Woche für dich war und so, was nächste Woche kommt…“
„Ach, so. Ja… Wie immer.“

Ich saß wieder auf der harten, unbequemen Bank neben dir.

Plötzlich machte mich diese kreisende Ente auf dieser überschaubaren Wasserfläche wahnsinnig. Dieser Teich, an dem wir saßen und der einem keine andere Möglichkeit ließ, als auf den Teich zu sehen.

Du fragtest nach: „Wie immer? Sonst hast du doch auch immer was zu erzählen!“

Es machte mich wahnsinnig, dass wir seit Jahren am selben Teich, Sonntag für Sonntag, saßen oder spazieren gingen, und ich fand es umso erschreckender, dass ich das sogar eigentlich gut fand.

Du bohrtest nach: „Hast du Ärger auf der Arbeit?“
„Nein, alles in Ordnung.“
„Aber irgendwas ist doch mit dir!“

Ich malte mit der Schuhspitze Kreise in den Kiesweg.
„Ach, nichts… Ich weiß auch nicht... Ich hab vorhin mit meinen Eltern telefoniert. Sie werden alt.“

Du erzähltest dann von deinen eigenen Eltern, vielleicht um mir ganz pädagogisch das Gefühl zu vermitteln, dass alles normal ist. Und plötzlich dachte ich, dass wir jetzt auch alt werden, dass wir schon jetzt so ein altes Leben führen, dass wir in dreißig Jahren wahrscheinlich immer noch Sonntag für Sonntag hier sitzen würden. Und genauso plötzlich war der Gedanke da, mich von dir zu trennen, einfach noch mal neu anzufangen, ein neues Leben.

Dabei musste ich im Grunde meines Herzens zugeben, dass ich gar nichts Neues in meinem Leben wollte. Vielleicht ein wenig das Gefühl, dass alles noch nicht fertig, alles noch nicht klar war – wie früher, aber auch nicht zu unklar.
Ich sagte mir: „Wenn die Ente bis zum nächsten Uhrenschlagen quakt, trenne ich mich – sofort, hier und jetzt.“ Ich hatte den Satz gar nicht bewusst selber gedacht. Er tauchte unvermittelt und fertig im Kopf auf und blieb.

Und während du ahnungslos von deinen Eltern erzähltest, saß ich neben dir auf der Bank, den Arm um deine Schulter gelegt, und lauschte auf den Klang der zäh und still verstreichenden Minuten.

Ich könnte es mir ja noch anders überlegen. Eigentlich war ja alles gut.
Du hast mich nicht genervt – „nie“ wäre übertrieben, aber im Großen und Ganzen hast du mich nie wirklich genervt, auch nicht gelangweilt.

Die Zeit verstrich langsam und ich wurde unruhig. Mein Fuß begann nervös zu wippen. Ich bemerkte es und stellte es sofort ein, als würde ich damit unerlaubterweise die Situation beeinflussen können.
Wenn die Ente quakt, beende ich die Beziehung.

Es war ja mehr ein Gedankenspiel. Von einem Entenquaken allein macht man noch keine Entscheidung abhängig!
Aber wenn ich es jetzt nicht täte, dann würde ich es wahrscheinlich nie tun. –
Der Gedanke erschien mir so befremdlich und absurd wie die ganze Situation.
Würde ich langfristig eine Trennung planen?

Ein älterer Herr trat an den Teich, nickte uns väterlich lächelnd über die Schulter zu. Die Uhr begann zur vollen Stunde zu schlagen. Schläge, die eine Ewigkeit dauerten. Der alte Herr kramte umständlich in seiner Plastiktüte, nahm ein Stückchen Brot heraus und warf es der Ente zu.
Die Ente bedankte sich auf ihre Weise, und der achte Glockenschlag verklang.

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